Erschienen in Ausgabe 3-2018Gesellschaft & Verantwortung

ICF und Begutachtung in der Psychiatrie

Von Dr. med. Gerhard EbnerVersicherungsmedizin

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EINLEITUNG

Die Zeiten, in welchen das Stellen einer Diagnose oder nur wenige Zeilen zur Beurteilung der „zumutbaren“ Arbeitsfähigkeit in der Versicherungspsychiatrie genügt haben [1], sind definitiv vorbei. Eine Diagnose sagt allein wenig über die Arbeitsfähigkeit einer Person aus; hingegen steht „im Mittelpunkt der Beurteilung … die Frage, welche Einschränkungen hinsichtlich Fähigkeiten aus der Psychopathologie resultieren und einen Menschen an der Wahrnehmung von Rollenfunktionen hindern können“ [10]. Das ICF ist hierbei eine Methodik, deren Grundlagen normativ-konsensuell durch Expertengruppen im Auftrag der WHO entwickelt wurde und dient letztendlich dazu, die Übereinstimmung (Reliabilität) bei der Beurteilung von Funktionseinschränkungen zu erhöhen. Für die Psychiatrie liegt sie in operationalisierter Form als „Mini-ICF-APP“ [11] vor (eine für die versicherungspsychiatrischen Erfordernisse angepasste Version steht vor der Veröffentlichung).

Die Bedeutung des Einsatzes von standardisierten (vereinheitlichten) und operationalisierten (messbarmachenden) Verfahren, welche den „State of the Art“ abbilden, d. h. welche möglichst objektive (vom einzelnen Gutachter unabhängige), reliable (zuverlässige) und valide (gültige) Beurteilungsergebnisse liefern, nahm und nimmt mit der Entwicklung der evidenzbasierten Medizin für die Versicherungsmedizin zu; das Fehlen von evidenzbasierten Grundlagen in Bezug auf die Beurteilung von Funktionsstörungen im versicherungspsychiatrischen Kontext [3, 5] ist in Anbetracht der hohen Varianz der Expertisen umso schmerzlicher [4], aber aufgrund der hohen Anzahl zu berücksichtigender Variablen erklärbar und erkenntnistheoretisch betrachtet auch nicht vermeidbar [9]. Dennoch zeigt die Forschung, dass mithilfe standardisierter Verfahren die Komplexität der Beurteilungen vermindert und deren Übereinstimmung (Interraterreliabilität) erhöht werden kann [2], was nicht nur dem Ansehen der Gutachter zugutekommt, sondern vor allem der Rechtssicherheit und der Verteilungsgerechtigkeit im Rahmen der Zusprechung von Versicherungsleistungen.
Zur Verbesserung der Übereinstimmung sind Qualitätsleitlinien, welche die Methodik der versicherungspsychiatrischen Begutachtung vorgeben, geeignet. Sie liegen in der Schweiz in dritter Auflage vor [7].
An dieser Stelle seien Grenzen bei der Anwendung von ICF in der psychiatrischen Begutachtung in der Version des „Mini-ICF-APP“ erwähnt: In diese Beurteilungen fließen nicht nur die Angaben der Exploranden…