Erschienen in Ausgabe 3-2018Trends & Innovationen

Die Verwendung der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) in der somatischen Begutachtung

Aus der MEDAS Zentralschweiz, Luzern. Chefarzt: Dr. med. Jörg Jeger, Rheumatologie FMH, EMBA, MAS Versicherungsmedizin

Von Dr. med. Jörg JegerVersicherungsmedizin

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EINLEITUNG

Die Gesundheitssysteme der Industrienationen werden zunehmend durch chronische Erkrankungen und Multimorbiditäten belastet. Gerade im gutachterlichen Kontext sind Multimorbiditäten die Regel. Die aus einer Multimorbidität resultierende Behinderung kann mit den Diagnosen aber nur schlecht beschrieben werden.

Im Urteil BGE 107 V 17 vom 23. 1. 1981 hielt das damalige Eidgenössische Versicherungsgericht (heute Bundesgericht Luzern) fest: „Der Arzt sagt, inwiefern der Versicherte in seinen körperlichen bzw. geistigen Funktionen durch das Leiden eingeschränkt ist, wobei es als selbstverständlich gilt, dass sich der Arzt vor allem zu jenen Funktionen äußert, welche für die nach seiner Lebenserfahrung im Vordergrund stehenden Arbeitsmöglichkeiten des Versicherten wesentlich sind (so etwa, ob der Versicherte sitzend oder stehend, im Freien oder in geheizten Räumen arbeiten kann oder muss, ob er Lasten heben und tragen kann usw.).“ Schon vor über 35 Jahren hat die bundesgerichtliche Rechtsprechung von Funktionen gesprochen, nicht von strukturellen Schäden. Bei der Beurteilung von Menschen mit Behinderungen geht es nicht allein um die Beschreibung struktureller Läsionen, sondern wesentlich auch um die Evaluation von funktionellen Defiziten und die Beurteilung ihrer Auswirkungen auf konkrete Tätigkeiten. In der Neufassung der Rechtsprechung zur Leistungsbeurteilung bei psychosomatischen Erkrankungen hat das Bundesgericht in BGE 141 V 281 vom 3. 6. 2015 die funktionelle Sichtweise – zumindest für den Bereich der Sozialversicherungen – bekräftigt, wenn es schreibt: „Arbeitsunfähigkeit leitet sich gleichsam aus dem Saldo aller wesentlichen Belastungen und Ressourcen ab.“

Die Verwendung der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) in der somatischen Begutachtung Summary

ZUSAMMENFASSUNG

Die ICF ist ein Hilfsmittel für eine adäquate und transparente Evaluation und Beschreibung von Menschen mit Behinderungen. Im gutachterlichen Kontext empfiehlt sich die Verwendung des ICF-Grundgerüsts (Frameworks). Eine vollständige Codierung nach ICF ist zu aufwändig und bringt keinen relevanten Mehrwert. Eine Anlehnung an die ICF baut die Brücke von der Diagnose zur Leistungseinschätzung, aber auch von der Medizin zur Rechtsanwendung. Sie erhöht die Transparenz gutachterlicher Leistungseinschätzungen. Ob damit auch die Validität und Reliabilität verbessert werden, ist bis anhin nicht bewiesen. Für die Klärung vieler versicherungsmedizinischer…