Erschienen in Ausgabe 2-2018

Versicherungsmedizinische Tagung 2018 des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft

18. April 2018, Hamburg

Von PD Dr. med. Stephan BecherVersicherungsmedizin

Die diesjährige Tagung des Fachkreises Versicherungsmedizin, Risiko- und Leistungsprüfung des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft e. V. am 18. 4. 1018 in Hamburg hatte die Schwerpunkte Diabetes, Psychiatrie und die rechtlichen Rahmenbedingungen der neuen europäischen Datenschutzverordnung zum Inhalt.

Moderiert wurde die Tagung von den beiden Leitern des Fachkreises, Frau Fiknet Veseli von der Ergo aus Hamburg und Dr. Berthold Schröder von der Allianz. Mit über 90 Teilnehmern war die Veranstaltung gut besucht.

Update Diabetologie

Herr PD Dr. Hummel aus Rosenheim berichtete in einem sehr anschaulichen Vortrag über die neueste Entwicklung beim Diabetes. Einleitend standen Zahlen zur Prävalenz, zur Verteilung in der Bundesrepublik und den dramatischen negativen Auswirkungen auf die Lebenserwartung bei Diabetikern im Vordergrund, die teilweise 20 Jahre bei frühem Erkrankungsbeginn betrugen. Er stellte uns die verschiedenen Subtypen beim Diabetes Typ 2 vor (MARD, SAD, SIRD, SIDD), die mit unterschiedlichen Prognosen behaftet sind. So stellt Diabetes mellitus die häufigste Ursache für Erblindung in den entwickelten Ländern dar. Erschreckend hoch ist auch die Zahl der unentdeckten Diabetiker von ca. 2 Mio. in Deutschland.

Der zweite Schwerpunkt seiner Ausführungen behandelte die neuen Therapien (CGMS, FGM), also die medikamentöse Therapie mit Gliozinen (selektive SGL-T2-Blocker) und die sensorgesteuerte Glukosemessung und Therapie. Um einen Todesfall aufgrund des Diabetes mellitus zu verhindern ist z. B eine Therapie mit Empaglifozin über drei Jahre bei 39 Patienten notwendig (zum Vergleich: bei Simvastatin sind 30 behandelte Patienten über fünf Jahre notwendig). Hier stellte Hummel das FGM-Gerät (Flash Glucose Monitoring) vor, mit dem durch einfaches Streichen über Haut oder Kleidung die Gewebeglukose gemessen und gespeichert werden kann.

Daneben ist die kontinuierliche Glukosemessung ein weiterer Meilenstein in der Führung von Betroffenen. In einer im Lancet 2016 veröffentlichten Studie konnte gezeigt werden, dass die Zeit in der Hypoglykämie um 38 % und die nächtlichen „Hypos“ um 40 % gesenkt werden konnten. Hummel empfahl ca. 10–15 Messungen pro Tag, die problemlos durchführbar wären, da das „blutige“ Fingerstechen entfiel. Zusammenfassend werden in Deutschland etwa 6,7 Mio. Menschen derzeit aufgrund eines Diabetes mellitus behandelt (Typ-1- und Typ-2-Diabetes). Die Prävalenz der Menschen mit Prädiabetes und unentdeckten Diabetes ist in den letzten Jahren gesunken, die Gesamtprävalenz (bekannte und unentdeckte Fälle) ist gleichgeblieben. In Deutschland bestehen erhebliche regionale Unterschiede in der Diabetes-Prävalenz. Neben regionalen Unterschieden mit individuellen Risikofaktoren wie Übergewicht und Bewegungsmangel spielen strukturelle Faktoren (Arbeitslosenquote, finanzielle Situation) eine Rolle.

Zum Thema Zuckerkrankheit und Fahren stellte Hummel dem Auditorium die Einschätzungsrichtlinien zur Fahreignung vor, die erst 2017 erneuert wurden. Bei Diabetikern besteht allenfalls ein leicht erhöhtes Risiko für Verkehrsunfälle. Wenn es allerdings zum selbstverschuldeten Unfall kommt, ist in mehr als > 50 % der Fälle Hypoglykämie die Ursache. Deswegen empfiehlt sich eine Hypoglykämiewahrnehmungsstörung zu trainieren.

Auch ist ab einem Blutzuckerspiegel von ca. 250 mg/dl in psychometrischen Tests eine allgemeine Verlangsamung, eine reduzierte Merkfähigkeit und ein reduziertes Diskriminationsvermögen festgestellt worden. Zusammenfassend sind prinzipielle Restriktionen gegenüber dem Führerscheinbesitz nicht gerechtfertigt.

Am Ende seines Vortrags ging Hummel noch auf die Frage Beruf und Diabetes ein. Als ungeeignet können heute nur noch der Einsatz bei der Feuerwehr, Berufstaucher und Kampfpiloten angesehen werden. Die meisten anderen Berufe, wie z. B. auch Personenbeförderung, Tragen einer Waffe und Dachdecker, sind unter bestimmten Voraussetzungen mit Diabetes möglich.

Predictive Psychiatrie – wie hilft die Digitalisierung in Diagnostik und Therapie?

Herr Prof. Dr. Markus Bühner von der LMU in München ermöglichte dem Auditorium Einblicke in die „Seele“ von Social-Media-Nutzern und deren prädiktiven „Wert“ für die Datensammler. Mittlerweile hat die „Smartphone“-Kommunikation die verbale überholt. Aus aufgezeichneten Telefonaten erkennt die „Maschine“ z. B. den Stresslevel des Anrufers. Auch die gegenwärtige Stimmung des Nutzers sowie die Persönlichkeitsstruktur ist für die künstliche Intelligenz (KI) erkennbar. Aus den gesammelten Parametern können recht präzise Aussagen über die Nutzer und deren Vorlieben und Gewohnheiten gemacht werden. Sehr eindeutig kann das Geschlecht, die politische Einstellung und das Wahlverhalten, erfasst werden. Aber auch die sexuelle Präferenz und Intelligenz können zuverlässig festgestellt werden. Bei mehr als 260 „Likes“ kennt der Algorithmus die Persönlichkeit des Nutzers besser als der Ehepartner.

Wenn zusätzlich bildgebende Verfahren, wie z. B. das funktionelle Magnetresonanztomogramm (MRT), zu Forschungszwecken eingesetzt werden, können sehr genaue Voraussagen zu den Nutzern getroffen werden und „Endophenotypen“ definiert werden. Allen Zuhörern wurde das enorme „Überwachungspotential“ der KI bewusst und der zukünftigen Entwicklung scheinen kaum noch Grenzen gesetzt zu werden.

Forum 1: Diabetes mellitus in RISP und Leistungsprüfung

Die Problematik des Diabetes mellitus wurde anschließend in einem Forum aus Sicht der Leistungsprüfer unter der Leitung von Dr. B. Schröder und Dr. Tobias Kühn, Gesellschaftsarzt bei der Alten Leipziger, diskutiert. Nach einer kurzen Einführung ins Thema der allgemeinen Risikoprüfung bei Diabetes mellitus wurden verschiedene Fälle aus den Unternehmen vorgestellt und besprochen. Als entscheidender Faktor zur Bewertung wurde das konkrete Berufsbild herausgearbeitet und empfohlen, die Möglichkeit an eine Laufzeitverkürzung zu denken, insbesondere wenn es sich um Berufe wie Maurer oder Piloten handelte. Bei der letzten Berufsgruppe wurde auf die veränderten Vorschriften für Diabetes und Fliegen in den verschiedenen Ländern eingegangen.

Forum 2: BU Betrugserkennung

Der Vortrag wurde von Frau Sturm, AXA Konzern AG gehalten. Nach einer Auswertung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) weisen rund 9 % der gemeldeten Schäden in der Kraftfahrt-, Haftpflicht- und Sachversicherung Auffälligkeiten auf, also Fälle die nicht stimmig sind. Schadenschilderung passt nicht zum Schadenbild, widersprüchliche Angaben etc. Insgesamt gehen die Schaden- und Unfallversicherer davon aus, dass durch Versicherungsbetrug jedes Jahr ein wirtschaftlicher Schaden in Höhe von vier bis fünf Milliarden Euro entsteht.

Danach referierte Herr Stefan Wachholz von der Pro Claims Solution GmbH aus Sundern über die Bedeutung des Versicherungsbetrugs in der Berufsunfähigkeitsversicherung.

Der Regelfall seien redliche Antragsteller. Zum Schutz der redlichen Versichertengemeinschaft gehört es zu einem Leistungsprüfungsmanagement des Versicherers dazu, auch an Täuschung zu denken. Bei begründetem Anlass oder bei einem konkreten Anfangsverdacht ist der Einsatz von Ermittlern oder Detektiven möglich. Rechtlich erworbene Informationen können im Zeugen-, Augenscheins- und Urkundenbeweis verwertet werden. Unzulässig erworbene Ermittlungsergebnisse unterliegen einem Beweisverwertungsverbot. Hierzu gehören Informationen aus dem Internet, Recherche vor Ort oder gar eine verdeckte Ermittlung. Auffällig sind kurze Vertragslaufzeiten, hochsummiges Deckungskapital, mitgebrachte Berufsunfähigkeit, mehrfache Versicherungsfälle in kurzen Abständen.

Forum 3: Neue Wege in der BU-Leistungsregulierung bei psychischen Erkrankungen

Frau Meike Fliegner, Dipl.-Psych. von der Generali Deutschland AG und Frau Dr. Kathrin Schulz von der Alten Leipziger Lebensversicherung a.G. hatten sich gemeinsam auf das Thema der BU-Leistungsregulierung bei psychischen Erkrankungen vorbereitet.

Zunächst wurden allgemeine Herausforderungen und Schwierigkeiten bei der Leistungsregulierung psychischer Erkrankungen erörtert und dargestellt, warum eine Objektivierung der Beschwerden im engeren Sinne bei psychischen Erkrankungen häufig schwerfällt. Sodann wurde erläutert, was bei einer psychiatrischen Begutachtung zu beachten ist und warum eine neuropsychologische Zusatzbegutachtung zur Objektivierung psychiatrischer Leistungseinschränkungen unabdingbar scheint. Als „neue Wege“ der BU-Leistungsregulierung stellten die Referentinnen das „Teleclaiming“ (darunter versteht man die telefonische Erhebung von Informationen zur BU-Leistungsregulierung) und die „Außenregulierung“ (Erhebung von Informationen beim Kunden vor Ort) vor und erläuterten anhand von Fallbeispielen das Prozedere, sowie Vor- und Nachteile der einzelnen Methoden.

Forum 4: Wie verändert die Digitalisierung unsere Berufswelt? Neue digitale Berufe – welches Risiko?

Am Anfang seines Vortrags stellte Sascha Wanke, Abteilungsleiter der SWISS Life zwei Untersuchungen vor, die die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt zum Inhalt hatten. Danach werden in den USA in 25 Jahren 47 % der Jobs verschwunden sein, da es sich vor allem um Berufe im Servicebereich handelt. Spezialisten und Expertenberufe haben dagegen ein geringeres Potenzial, ersetzt zu werden. An die Grenzen stößt die Digitalisierung auch bei kreativen und sozialen Berufen und Aufgaben, die soziale Intelligenz erfordern. Auf der anderen Seite gibt es aber schon den „Pflegebär“ in Japan, der alte Menschen unterstützt, sodass abzuwarten bleibt, ob es summarisch weniger Arbeitende geben wird.

Digitalisierung kann zu einem Beschäftigungswachstum führen, da die computergesteuerten Maschinen entwickelt und gebaut werden müssen. Dadurch würden Fachkräfte gebraucht, um die Maschinen zu steuern, zu kontrollieren und zu warten.

Produkt-, Prozess- und Dienstleistungsinnovationen   sowie Produktivitätswachstum

können zu Preissenkungen führen. Damit könnte der Gesamtbeschäftigungseffekt

in der Summe durchaus positiv ausfallen. Herr Wanke stellte zwei mögliche Zukunftsszenarien vor. Bei erster würde es durch starke Automatisierung der Arbeit zu Chaos und Tumult kommen, bei einer rechtzeitigen Weichenstellung mit Umstellung in der Transformationsphase zu einer globalen Kooperation unter Ausnutzung der künstlichen Intelligenz könnte das Leben der Menschen vereinfacht werden. Danach ging Herr Wanke auf die Risiken über die Versicherungsunternehmen ein bevor er zu den neuen „digitalen“ Berufen kam. Fazit seiner Ausführungen war „dranbleiben, beobachten, mitmachen“.

Zwei Schritte vor, einen zurück – Big Data und die Datenschutzgrundverordnung

Herr Prof. Dr. Oliver Brand, LL.M, von der Universität Mannheim berichtete im letzten   Vortrag sehr lebhaft über die neue Datenschutzgrundverordnung, die bereits im Mai 2016 in Kraft getreten ist. Bis zum 25. 5. 2018 besteht eine Übergangsfrist, um den Unternehmen die Anpassung zu erleichtern. Der Referent stellt die für die Versicherungswirtschaft wesentlichen Punkte vor. Er grenzte die Verordnung gegen das Bundesdatenschutzgesetz und die Richtlinie 95/46/EG ab.

Dabei ging es insbesondere um personenbezogene Daten und die Zustimmung zur Verwendung der Daten durch die Antragsteller. Hervorgehoben wurde, dass die Einwilligung zur Datenverarbeitung aktiv zu erfolgen hat. Unzulässig ist z. B. ein stillschweigendes Einverständnis oder ein standardmäßig angekreuztes Kästchen zu verwenden.

Die Anforderungen an den Widerruf einer zuvor erteilten Einwilligung wurden durch die neue Datenschutzgrundverordnung herabgesetzt. Eine Einwilligung muss „jederzeit“ und „ohne Begründung“ widerrufen werden können. Auch das Kopplungsverbot wurde insofern verschärft, als der Abschluss eines Vertrags nur dann von der Erteilung einer Einwilligung abhängig gemacht werden darf, wenn dies für die Durchführung des Vertrags erforderlich ist.

Besonders hob er die zu erwartenden Probleme bei sogenannten Telematik Tarifen hervor, bei denen die Versicherer in Zukunft auf elektronisch gespeicherte Daten, wie z. B. Smartphone-Daten, zurückgreifen möchten.

Außerdem ist die Durchführung einer Datenschutz-Folgenabschätzung vorgeschrieben. Genau wie die bisher im deutschen Datenschutzrecht bekannte Vorabkontrolle dient die Datenschutz-Folgenabschätzung der Bewertung von Risiken und deren mögliche Folgen für die persönlichen Rechte und Freiheiten der Betroffenen.

Zusammenfassend betonte er, dass die Datenschutzverordnung zwar wichtig sei, aber keine umstürzenden Veränderungen nach sich ziehen würde. Bei der Installierung von telemetrischen Produkten müsse allerdings besondere Vorsicht gelten und ebenso sei besonderes Augenmerk auf den Widerruf erteilter Einwilligungen in den Unternehmen zu achten.

Insgesamt zeigte die Tagung, dass die medizinische Risiko- und Leistungsprüfung herausfordernd bleibt und weiterhin einen hohen spezifischen Sachverstand verlangt, der absehbar nicht ohne Weiteres durch künstliche Intelligenz ersetzt werden kann. Solche interdisziplinären Fortbildungen sind besten geeignet, um die zunehmend anspruchsvollere tägliche Arbeit zu meistern.

Stephan Becher, SCOR Global Life Deutschland, Köln