Erschienen in Ausgabe 2-2018Trends & Innovationen

Notizen vom Tage

Von Dr. med. Gerd-Marko OstendorfVersicherungsmedizin

RHEUMATOLOGEN WARNEN VOR TEURER ÜBERDIAGNOSTIK BEI RÜCKENSCHMERZEN

Bei Rückenschmerzpatienten findet oft eine teure Überdiagnostik statt: Sie werden zu umfassend gerätetechnisch untersucht, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e. V. (DGRh). Das zeigen auch drei aktuelle Artikel in der Fachzeitschrift „The Lancet“, welche umfassend Ursachen, Folgen und Behandlung der Volkskrankheit Rückenschmerz beschreiben.

„Primärer Anlaufpunkt für Patienten mit Rückenschmerzen ist die Allgemeinarztpraxis“, erklärt dazu Prof. Dr. Joachim Sieper von der Charité – Universitätsmedizin Berlin, einer der Autoren der Serie in „The Lancet“. Die klare Empfehlung des Rheumatologen: „Aufwendige diagnostische Maßnahmen sollten in der Regel vermieden werden“.

Denn die Beschwerden der meisten Patienten bessern sich schon durch Beratung, physikalische Therapie und psychologische Betreuung. Es ist wichtig, so Sieper, dass Patienten aktiv bleiben, weiterhin am täglichen Leben teilnehmen und ihrem Alltag und damit auch ihrer Arbeit nachgehen.

Auch die DGRh hat diese Negativempfehlung für Ärzte schon 2016 im Rahmen der Initiative „Klug Entscheiden“ formuliert: Halten nicht spezifische Kreuzschmerzen weniger als sechs Wochen an und weisen keine sogenannten „Red Flags“ auf, sollte der Arzt auf eine Bildgebung mit Röntgen und anderen Verfahren verzichten. „Red Flags“ sind verschiedene eindeutige Warnhinweise auf Erkrankungen der Wirbelsäule, bei denen dringender Handlungsbedarf besteht. Umso mehr bedürfen allerdings entzündlich rheumatische Krankheiten dringend einer qualifizierten Diagnostik, so die Experten der DGRh.

13. RHEUMATOLOGIE-UPDATE-SEMINAR

Rheumatiker Profitieren Von Radonstollen-Hyperthermie
Nach klinischen Beobachtungen profitieren Patienten mit einer rheumatoiden Arthritis überdurchschnittlich gut von einer seriellen Radonstollen-Hyperthermie, ohne dass die Gründe hierfür genau bekannt sind, berichtete Prof. Dr. Uwe Lange von der Abteilung Rheumatologie, klinische Immunologie, physikalische Medizin und Osteologie an der JLU Giessen, Campus Kerckhoff in Bad Nauheim, auf dem 13. Rheumatologie-Update-Seminar am 16. und 17. 3. 2018 in Wiesbaden.

Das bestätigt auch eine aktuelle Studie des Referenten (Lange U et al., Phys Med Rehab Kuror 2017): Hier bewirkte die Radonstollen-Hyperthermie bei Patienten mit rheumatoider Arthritis mittelfristig eine signifikante Schmerzlinderung und eine Abnahme der Schmerzmedikation sowie eine signifikante Zunahme der Funktionskapazität. Ferner waren ein Anstieg der knochenanabolen und ein Rückgang der knochenkatabolen Zytokine objektivierbar, neben einem Rückgang der ACPA, was der molekularen Grundlage zu einer Verminderung des osteoklastären Knochenabbaus im Rahmen der entzündlich bedingten sekundären Osteoporose entspricht.

Der Radonstollen-Hyperthermie kommt somit ein wichtiger Stellenwert im multimodalen Therapiekonzept der rheumatoiden Arthritis zu, kommentierte Lange diese Ergebnisse.

Vertebroplastie doch effektiv?
Lange erklärte auch, dass die Vertebroplastie zur Behandlung von Schmerzen nach osteoporotischen Frakturen nach den negativen Ergebnissen der beiden randomisierten Studien im Jahr 2009 fast vollständig aus der Schmerztherapie verschwunden war.

In einer aktuellen Studie (Clark W et al., Lancet 2018) wurden nun die Patienten sehr viel früher als in den vorhergehenden Studien behandelt. Der Therapieeffekt war hier signifikant und hielt bis zu sechs Monate an.

Besonders erwähnenswert ist, so Lange, dass es sich hier überwiegend um sehr alte Patienten mit hoher Schmerzintensität handelte. Bei dieser Population sei es besonders wichtig, durch eine Schmerzreduktion eine möglichst rasche Mobilisierung zu erreichen. Es bleibe abzuwarten, ob die Vertebroplastie wieder Eingang in die Schmerztherapie finden werde.

PERSONALISIERTE THERAPIE BEI LUNGENKREBS EFFEKTIV

Die personalisierte Krebsmedizin verbessert die Überlebenschancen bei vielen Patienten mit Lungenkrebs, berichtete PD Dr. Niels Reinmuth, Leitender Arzt der Abteilung Onkologie an den Asklepios Fachkliniken München-Gauting, auf dem 23. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) vom 14. bis 17. 3. 2018 in Dresden.

Lungenkrebs gehört zu den häufigsten und bösartigsten Tumoren überhaupt. Nur 18 % der Betroffenen überleben mindestens fünf Jahre, wobei die Überlebensrate stark davon abhängt, in welchem Stadium der Krebs erstmalig festgestellt wurde.
 
Gerade in den letzten Jahren gab es aber wichtige Fortschritte bei der differenzierten Diagnostik und Behandlung des Lungenkarzinoms, welche die Aussichten für Patienten drastisch verbessert haben. Dies gilt insbesondere für das nichtkleinzellige Lungenkarzinom, das rund drei Viertel ausmacht. Sogar bei Patienten in Stadium IV, die eigentlich als austherapiert gelten, kann die neue Therapie das Überleben substanziell verlängern.
 
In den letzten Jahren ist es Wissenschaftlern gelungen, das genetische Profil des Lungenkarzinoms zu analysieren. Dabei wurden neue Mutationen in den Krebszellen, die das Wachstum eines Tumors antreiben, entdeckt. Gegen diese gibt es inzwischen spezielle Medikamente, die Signale und Signalwege der Krebszellen blockieren:

  • Monoklonale Antikörper binden an Rezeptoren auf der Oberfläche der Krebszellen und verhindern, dass Wachstums- oder Vermehrungssignale dort ankommen.
  • Tyrosinkinaseinhibitoren unterbrechen die Signalkette innerhalb der Zelle.

Anders als die Chemotherapie greifen diese Medikamente gezielt die Krebszellen an. Dadurch sind die Nebenwirkungen dieser Behandlung deutlich geringer.

Eine genetische Analyse des Tumors zeigt, ob der Patient für eine solche sogenannte personalisierte Therapie infrage kommt. Dies trifft auf rund 20 % aller Betroffenen zu. Unter denen, die niemals geraucht haben, eignet sich sogar jeder zweite.
 
Bei der Therapieentscheidung muss aber auch berücksichtigt werden, ob die Patienten noch eine Lebenserwartung haben, bei der sie tatsächlich von der Behandlung profitieren, so Reinmuth, denn die Kosten für eine personalisierte Therapie liegen deutlich höher als für eine konventionelle Chemo- oder Strahlentherapie. Die Finanzierung der Behandlung zähle damit zu den größten Herausforderungen.
 
Etwa ein Drittel aller neu erkrankten Patienten wird derzeit in einem Lungenkrebszentrum der Deutschen Krebsgesellschaft behandelt. Diese hoch spezialisierten Behandlungszentren bieten eine qualitativ hochwertige Behandlung für Patienten in jeder Phase und jedem Bereich ihrer Erkrankung. Zudem helfen sie damit dem medizinischen Fortschritt: Je mehr krebserregende Mutationen Wissenschaftler untersuchen, desto schneller können neue, zielgerichtete Medikamente entwickelt werden.
 

UROLOGIE-UPDATE-SEMINAR

Lebenserwartung in Industrienationen steigt weiter
Über die 2017 in der Fachzeitschrift „ The Lancet“ veröffentlichte Publikation von Kontis V et al. (Future life expectancy in 35 industrialised countries: Projections with a Bayesian model ensemble), die sich mit der steigenden Lebenserwartung in 35 Industrienationen beschäftigt, berichtete Pof. Dr. Herbert Sperling von der Klinik für Urologie an den Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach auf dem Urologie-Update-Seminar am 2. und 3. 3. 2018 in Köln.

Demnach wird die Lebenserwartung für Frauen um zumindest 65 % und bei den Männern um 85 % steigen. Dabei ist die Lebenserwartung in Südkorea am höchsten, gefolgt von Frankreich, Spanien und Japan; die deutschen Lebenserwartungen liegen im „guten“ Mittelfeld. Für die Frauen fällt die statistische Grenze der 90-Jährigen, aber auch die Männer haben eine deutlich höhere Chance, 85 Jahre und mehr zu erreichen und somit stark aufzuholen.
 
Die Autoren schlussfolgern, dass diese Zunahme der Lebenserwartung eine sorgfältige Planung in den Bereichen Gesundheit und Versorgung, aber auch hinsichtlich der finanziellen Versorgung erfordert.

Tageschirurgische Holmium-Laser-Enukleation der Prostata
Auch wenn in Österreich und Deutschland zu kurze Spitalaufenthalte durch das Honorierungssystem finanziell eher „bestraft“ werden, so zeigt eine aus Frankreich stammende Publikation von Comat V et al. (J. Endourol. 2017), wie weit das Konzept der Tageschirurgie bei der Holmium-Laser-Enukleation der Prostata (HoLEP) vorangetrieben werden kann, berichtete Univ.-Prof. Dr. Stephan Madersbacher von der Urologischen Abteilung am Kaiser-Franz-Josef Spital in Wien.

In einem Zeitraum von drei Jahren wurden insgesamt 211 HoLEP-Eingriffe durchgeführt; davon wurden 90 (43 %) als tauglich für ein tageschirurgisches Vorgehen eingeschätzt. Von diesen 90 Patienten konnten letztendlich 83,4 % innerhalb von 12 h das Spital verlassen.
 
Das durchschnittliche Alter dieser Patienten betrug 66 Jahre und das mittlere Prostatavolumen lag bei 76 ml. Diese tageschirurgischen Patienten verließen das Spital mit einem Dauerkatheter, welcher zwei bis drei Tage später ambulant entfernt wurde.