Erschienen in Ausgabe 2-2018

Notizen vom Tage

Von Dr. med. Gerd-Marko OstendorfVersicherungsmedizin

12. ALLGEMEINMEDIZIN-UPDATE-SEMINAR

Schlaganfall – Ein Update

Der Schlaganfall stellt die dritthäufigste Todesursache in den Industrieländern dar; seine momentane jährliche Inzidenz in Deutschland beträgt altersabhängig etwa 250 bis 300 Fälle pro 100.000 Einwohner, erklärte Prof. Dr. Dipl.-Psych. Frank Erbguth von der Klinik für Neurologie am Klinikum Nürnberg – Paracelsus Medizinische Privatuniversität auf dem 12. Allgemeinmedizin-Update-Seminar am 27. und 28. 4. 2018 in Wiesbaden. Damit sind in Deutschland jährlich etwa 250.000 Menschen von einem Schlaganfall betroffen.

Nahezu jeder fünfte Erkrankte stirbt innerhalb der ersten vier Wochen, etwa ein Drittel innerhalb eines Jahres. Die zwei großen unterschiedlichen Schlaganfallursachen „ischämischer Hirninfarkt“ vs. „intrazerebrale Blutung“ verteilen sich etwa im Verhältnis 6 zu 1. Durch seine oft behindernden Folgen ist der Schlaganfall die häufigste Ursache für bleibende Invalidität bei Erwachsenen. Die direkten Kosten eines Schlaganfalls im deutschen Gesundheitssystem betragen etwa 45.000 Euro.

Da Schlaganfälle im höheren Lebensalter häufiger auftreten als Herzinfarkte, ist davon auszugehen, dass mit dem demografischen Wandel die Absolutzahlen für Schlaganfälle deutlich steigen werden. In diese Richtung hatten zuletzt die Ergebnisse der populationsbasierten Oxford Vascular Study 2005 gewiesen, wonach in einer definierten Bevölkerung zerebrovaskuläre Ereignisse um 20 % häufiger auftraten als kardiovaskuläre. 80 % der zerebrovaskulären und 73 % der kardiovaskulären Ereignisse wurden bei den 8 % der Bevölkerung beobachtet, die älter als 65 Jahre waren.

Innerhalb des letzten Jahrzehnts haben Fortschritte der Akuttherapie und effektive Präventionsstrategien den „Schlaganfall“ aus der „nihilistischen Ecke“ herauslösen können. In der Akuttherapie war das Jahr 2017 gekennzeichnet von der Implementierung der mechanischen Thrombektomie bei Verschlüssen der proximalen Hirngefäße, die meist zusätzlich zur intravenösen Thrombolyse durchgeführt wird und die Chance auf ein gutes „Outcome“ bei diesen schweren Schlaganfällen fast verdoppelt.

Lebenserwartung bei multipler Sklerose steigt

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Frank Erbguth berichtete ebenso, dass die Lebenserwartung – und die auch Lebensqualität – bei multipler Sklerose (MS) sich in den letzten 60 Jahren deutlich verbessert hat.

Anders als in Deutschland bestehen in Skandinavien seit vielen Jahrzehnten differenzierte Register für epidemiologisch wichtige Erkrankungen wie u. a. die MS. Eine 2017 veröffentlichte norwegische Registeranalyse hat nun einen Rückgang der Sterblichkeit von MS-Patienten zwischen 1953 und 2012 für West-Norwegen festgestellt.

Von 1388 Patienten waren bereits 291 verstorben, überwiegend an MS (56,4 %). Die durchschnittliche Lebenserwartung der MS-Patienten betrug 74,7 Jahre im Vergleich zur entsprechenden Allgemeinbevölkerung mit 81,8 Jahren. Die Lebenserwartung für Männer mit MS war mit 72,2 Jahren signifikant niedriger als die von Frauen mit 77,2 Jahren. MS-Patienten mit schubförmigem Verlauf hatten mit 77,8 Jahren eine deutlich bessere Lebenserwartung als Patienten mit primär progredienter MS mit 71,4 Jahren.

Die sogenannte Standardized Mortality Ratio (SMR) hatte in diesem Zeitraum jedoch drastisch abgenommen: Sie betrug zwischen 1953 und 1974 noch 3,1, zwischen 1975 und 1996 dann 2,6 und von 1997 bis 2012 nur 0,7. Damit haben zwar MS-Patienten eine um ca. 7 Jahre verkürzte Lebenserwartung im Vergleich zur Normalbevölkerung. Allerdings gibt es einen ständig sinkenden „Beitrag“ der MS zur Sterblichkeit, der sich angesichts der in den letzten Jahren hinzugekommenen Therapiemöglichkeiten noch verbessern dürfte, prognostizierte Erbguth.

Einige Medikamente verbessern das Überleben bei Diabetes

Nach einer jahrzehntelangen „Durststrecke“ stehen endlich drei Substanzen zur Verfügung, die bei Patienten mit Typ-2-Diabetes nicht nur die Blutzuckereinstellung verbessern, sondern auch das Überleben verbessern und kardiovaskuläre Ereignisse vermindern, erklärte Prof. Dr. Jan-Christoph Galle von der Klinik für Nephrologie und Dialyseverfahren am Klinikum Lüdenscheid.

Dies war bisher nur belegt in einer kleinen Untersuchung mit knapp 400 Patienten für Metformin und ist nun auch für Empagliflozin, für Canagliflozin und für Liraglutid nachgewiesen. Mit Insulin und DPP4-Hemmern konnten solche Erfolge nicht erzielt werden, und für Sulfonylharnstoffe gibt es keine vernünftigen Studien.

Canagliflozin hat ähnliche Effekte wie Empagliflozin. Diese sind allerdings schwächer ausgeprägt, und im Raum steht das in der 2017 publizierten CANVAS-Studie beobachtete höhere Risiko für Amputationen unter Canagliflozin, so Galle.