Erschienen in Ausgabe 2-2018Gesellschaft & Verantwortung

Mögliche gesundheitliche Gefährdung von Kreuzfahrern durch Charterfluggesellschaft?

Von Dr. med. Gerd-Marko OstendorfVersicherungsmedizin

Die Frage, ob eine Charterfluggesellschaft für die gesundheitliche Gefährdung von Kreuzfahrern verantwortlich sein kann, erscheint zwar zunächst weit hergeholt, ist aber durchaus nicht unrealistisch, wie eigene Erfahrungen (und sich daran anschließende weiter gehende Überlegungen) zeigen.

Am 19. 1. 2018 unternahm der Autor zusammen mit seiner Frau eine Flugreise mit einer Charterfluggesellschaft (bzw. einer Ersatzfluggesellschaft, da die eigentliche Crew offenbar aus technischen Gründen nicht einsetzbar war) von Frankfurt/M. nach Teneriffa. Am Flughafen Teneriffa Süd angekommen, erwartete sie jedoch eine böse Überraschung: Dort wurde den versammelten Passagieren des voll besetzten Flugzeugs mitgeteilt, dass das Gepäck sämtlicher Passagiere mit Ausnahme allenfalls ganz weniger Koffer nicht mitgenommen worden war. 

Die anschließenden Unannehmlichkeiten, wie zunächst stundenlang am Flughafen, wo ein einziger Mitarbeiter die genauen Daten jedes Einzelnen zu Namen, Gepäck und der Urlaubsdestination aufnehmen und im „Ein-Finger-System“ in einen PC eingeben musste, sowie in den zwei Tagen, bis die beiden Koffer dann im Urlaubshotel angekommen waren, sind hier nicht das Thema; diese bedeuteten ja keine gravierende gesundheitliche Bedeutung, wenn man einmal von stressbedingten Beschwerden wie etwa einem Migräneanfall absieht.

Beim über zwei Stunden dauernden Warten am Flughafen darauf, dass die fehlenden Koffer endlich registriert wurden, stellte sich aber heraus, dass etliche der Mitreisenden eine Kreuzfahrt gebucht hatten, die am selben Tag in Santa Cruz de Tenerife begann und zunächst nach Madeira ging, bevor sie nach einer Woche und mehreren weiteren Häfen wieder in Teneriffa anlegen sollte.

Hier kamen dem Autor, der seit über 30 Jahren für die private Krankenversicherung (und somit auch für die Auslandsreise-Krankenversicherung) tätig ist und jahrelang auch für die Reiserücktrittsversicherung beratend tätig war, allerdings Fragen zu möglichen gravierenden Gesundheitsschäden infolge des fehlenden Gepäcks. Diese stellen sich umso mehr, als Kreuzfahrer sehr häufig wohlhabende ältere Menschen sind, die nicht selten an gravierenden chronischen Erkrankungen leiden.

Im Hafen von Santa Cruz auf Teneriffa legen viele Kreuzfahrtschiffe an.
Im Hafen von Santa Cruz auf Teneriffa legen viele Kreuzfahrtschiffe an.

Fall: Schwere Gesundheitsschädigung durch fehlende Medikamente

Diskutiert werden soll folgendes fiktives, aber durchaus nicht unrealistisches Szenario:

Ein chronisch Kranker, der eine Kreuzfahrt ab Santa Cruz de Tenerife gebucht hat, kann die dringend benötigten Medikamente nicht einnehmen, weil er diese in seinem Gepäck verstaut hat, das nicht angekommen ist. Da eine solche Kreuzfahrt immer neue Häfen anläuft, ist es durchaus fraglich, ob er seinen Koffer während der Reise überhaupt erhält.
Nun ist es aber ausgesprochen schwierig, auch in größeren Orten bei einer solchen Reise moderne, erst seit wenigen Jahren erhältliche hochpreisige spezielle Medikamente zu erhalten, etwa zur Therapie von Herzerkrankungen, wie dem Autor als ärztlichem Betreuer zahlreicher entsprechender Auslandsreisen bekannt ist. Auch Präparate wie die modernen neuen oralen Antikoagulantien (sogenannte NOAKs) dürften – falls überhaupt –  nur mit größter Mühe zu beschaffen sein.

Sollte die Kreuzfahrt gar eine Atlantik-Überquerung ab Teneriffa nach Südamerika oder in die Karibik sein, würde in den nächsten Tagen ohnedies kein einziger Hafen angelaufen werden, in dem Medikamente besorgt werden können. Auch sind solche (meist teuren) Spezialpräparate nicht Bestandteil der in einem Kreuzfahrtschiff angebotenen medizinischen Versorgung durch den Bordarzt.

Falls aber ein chronisch kranker Passagier einer solchen Reise sein dringend erforderliches gerinnungshemmendes Präparat über mehrere Tage nicht einnehmen kann, ist die Gefahr eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls stark erhöht – mit schweren, gegebenenfalls lebensbedrohenden Konsequenzen.

Versicherungsmedizinische Bewertung

In einem solchen Fall stellt sich die Frage nach einem möglichen Verschulden der Charterfluggesellschaft bzw. nach Regressansprüchen an den Reiseveranstalter:

Dass ein einzelner Koffer einmal nicht mitkommt (gegebenenfalls auch zwei oder drei), ist bei einem Flug durchaus möglich und nachvollziehbar. Wenn aber nahezu das gesamte Gepäck am Abflughafen zurückbleibt, ist es kaum vorstellbar, dass das ohne Wissen der Flugzeug-Crew und/oder der Bodenmannschaft erfolgte. In einem solchen Fall könnte ein vorsätzliches Vorgehen geprüft werden.

Sicherlich sollten Kranke, die auf die regelmäßige Einnahme von Medikamenten angewiesen sind, dringend darauf achten, gerade bei Flugreisen die entsprechenden Präparate in ihrem Handgepäck mitzunehmen, um diese auch bei Verlust des aufgegebenen Gepäcks zur Verfügung zu haben, gerade bei einer geplanten Seereise. Vor allem bei Reisen ins außereuropäische Ausland kann hierfür ein entsprechendes ärztliches Attest (möglichst in Englisch) angezeigt sein. Dass solche wichtigen Verhaltensregeln nicht immer beachtet werden, ist jedoch menschlich, zumal sich die Reisenden mit einem gewissen „Urvertrauen“ in die Hände des Reiseveranstalters (und der von diesem beauftragten Fluggesellschaft) begeben.

Wenn nun die Charterfluggesellschaft das komplette Reisegepäck (aus welchen Gründen auch immer) nicht zum Ausgangspunkt einer solchen Kreuzfahrt mitgenommen hat, wäre zu prüfen, ob für die möglichen gesundheitlichen Folgen zumindest Mitursächlichkeit besteht. Sollte etwa die Auslandsreise-Krankenversicherung des betroffenen Passagiers über diese Tatsache informiert werden, kann sie Regressansprüche prüfen. Gerade angesichts häufig sehr kostspieliger medizinischer Behandlungen im Ausland wäre dieses Vorgehen auch aufgrund wirtschaftlicher Aspekte angezeigt.

Ob sich in einem solchen Fall eventuell auch strafrechtliche Konsequenzen (etwa wegen fahrlässiger Körperverletzung) ergeben, müsste von kompetenter juristischer Seite diskutiert werden.

Praxistipp

Behandelnde Ärzte sollten chronisch Kranke, die eine Flugreise mit anschließender Kreuzfahrt planen, darauf hinweisen, die erforderlichen Medikamente im Handgepäck mitzunehmen. Gegebenenfalls sollten sie dafür ein ärztliches Attest (für die Kontrollen am Flughafen sowie bei der Einreise am Zielflughafen) ausstellen, möglichst auch auf Englisch.