Erschienen in Ausgabe 2-2018Gesellschaft & Verantwortung

Medizinisch nicht notwendige Heilbehandlungen bei Krebs – Regionale Chemotherapie und das Geschäft mit der Angst

Von Ina SchneiderVersicherungsmedizin

Eine Frau aus Bayern war im Alter von 61 Jahren an Brustkrebs erkrankt. Es handelte sich dabei um ein bereits metastasiertes Mammakarzinom rechts. Metastasen fanden sich in Form von Leber- und Knochenmetastasen im Becken und in der Wirbelsäule. Ferner fanden sich im weiteren Verlauf Lungen- und Lymphknotenmetastasen.

BEHANDLUNGSOPTIONEN UND TATSÄCHLICHE BEHANDLUNG

Die Patientin befürchtete extreme Nebenwirkungen der vorgeschlagenen schulmedizinischen Therapieformen der gängigen Chemotherapie. Deshalb hatten ihr die behandelten Ärzte Alternativen vorgeschlagen, die durchaus in Betracht zu ziehen waren. Der Patientin wurde eine Teilnahme an einer Studie (MONALEESA-3) mit der Kombination aus einer antihormonellen Therapie und eines Kinase-Inhibitor (Ribociclib) angeboten. Dies wäre eine chemotherapiefreie Therapiemöglichkeit für die Patientin gewesen.


Die Patientin hat sich stattdessen für eine regionale Chemotherapie, durchgeführt in einer darauf spezialisierten Klinik in Bayern, entschieden. Die regionale Chemotherapie, ist eine örtliche – also auf eine Körperregion oder ein Organ – beschränkte Chemotherapie. Das Medikament (Zytostatikum) wird dabei über die den Tumor oder die Tumorregion versorgende Arterie zu- und wieder abgeführt.

BEURTEILUNG DER BEHANDLUNGSMETHODE REGIONALE CHEMOTHERAPIE

Die Behandlungsmethode regionale Chemotherapie bei dieser Erkrankung ist experimentell und ein wissenschaftlich nicht etabliertes Therapieverfahren. Sie stellt deshalb im vorliegenden Fall keine medizinisch notwendige Heilbehandlung im Sinne der Versicherungsbedingungen dar.

Frau Prof. Dr. Jutta Hübner (Universitätsklinikum Jena) führt hierzu aus, dass die Therapie ausdrücklich nicht den Empfehlungen der S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms [1] entspricht. Vielmehr heißt es in der Leitlinie zu Lebermetastasen ausdrücklich: „Bei Vorliegen von Lebermetastasen kann in Einzelfällen eine Resektion oder eventuell auch eine andere lokale Therapie (Radiofrequenzablation [RFA], transarterielle Chemoembolisation [TACE], stereotaktische Bestrahlung [SBRT], selektive interne Radiotherapie [SIRT]) indiziert sein, Voraussetzungen dafür sind:

  • keine disseminierten Metastasen,
  • kontrollierte extrahepatische Metastasierung.

Das Problem der regionalen Behandlung ist die fehlende Kontrolle eventuell vorhandener Tumorzellen an anderen Lokalisationen. Da bei der Patientin neben der Lebermetastasierung auch eine Knochenmetastasierung bekannt war, ist von einem disseminierten Geschehen auszugehen. Der Krankheitsverlauf der Patientin zeigt, dass es unter der durchgeführten Therapie zu einem Auftreten weiterer Metastasen in Lymphknoten und vermutlich auch der Lunge gekommen ist und dass auch die lokalen Metastasierungen in Leber und Knochen progredient sind.

Neben der aufgrund der nur regionalen Wirkung nicht geeigneten Vorgehensweise, entspricht auch die Auswahl der eingesetzten Krebstherapeutika nicht den Leitlinienempfehlungen. In der S3-Leitlinie werden eine ganze Reihe von Monotherapien bei weniger hohem Remissionsdruck oder Kombinationen empfohlen, aus denen für einen Patienten ein individuelles Therapiekonzept ausgewählt werden kann.

Nebenwirkungsfrei – wie erhofft – war die regionale Chemotherapie bei der Patientin nicht. In den Unterlagen befinden sich u. a. Hinweise auf Herzrhythmusstörungen, Oberschenkelthrombosen, fieberhafte Episoden ohne Erklärung der Genese.

Immerhin wurde die Patientin darüber informiert, dass die Methode der regionalen Chemotherapie nicht als onkologische Standardtherapie anerkannt ist. Allerdings wurde der Patientin wohl auch Hoffnung auf vollständige Heilung gemacht. Wer an einer ernsten Erkrankung wie Krebs leidet, lässt oft nichts unversucht, um wieder gesund zu werden.

KOSTENÜBERNAHME BEI „ALTERNATIVMEDIZINISCHEN EXPERIMENTELLEN BEHANDLUNGEN“?

Ganz menschlich ist, dass bei Schwerstkranken nach jedem Strohhalm gegriffen wird. Stößt die Schulmedizin bei der Behandlung an ihre Grenzen, recherchieren immer mehr Patienten im Internet und suchen nach Hilfe. „Doktor Google“ liefert ganz schnell ausreichend, aber meistens klinisch nicht valide Möglichkeiten – auf für den Laien vielversprechenden und professionell erscheinenden Seiten.

So landen Betroffene – wie unsere Patientin – leider immer wieder bei „selbsterkorenen alternativen Koryphäen“. Diese versprechen Heilung. Dies noch dazu ohne Nebenwirkung, wobei  die Schulmedizin und deren Nebenwirkungen in ein schlechtes Licht gestellt werden. Auch im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen und medialen Diskussion – um die angeblich fehlenden Erfolge der „Schulmedizin“ – finden alternativmedizinische experimentelle Angebote ihren Platz. Ein weiteres von der sogenannten Alternativmedizin gern genutztes Motiv ist die „Unterdrückung der Wahrheit durch die Pharmaindustrie“ und die ihr „hörigen Ärzte“. All dies treibt dann sogar sehr makabre Stilblüten wie die Aussagen einer Klinik für regionale Chemotherapie in Bayern, die mit bereits verstorbenen Patienten Werbung für ihre Erfolge machte [2].

Dieses Geschäftsmodell spekuliert auf die Ängste und Hoffnungen. Durch die Angst getrieben ist der Betroffene bereit, meist hohe Zahlungen zu leisten.

Im Fall unserer Patientin wurden rd. 100.000 Euro für die Behandlung ausgegeben. Der überwiegende Teil davon wurde von dem privaten Krankenversicherer nicht übernommen. Auch die gesetzlichen Krankenversicherungen übernehmen die Kosten nicht. Die medizinischen Dienste der gesetzlichen Krankenversicherung teilen die Auffassung der privaten Krankenversicherer.

DIE GEFAHR

Wenn alternative und nicht wissenschaftlich erforschte Konzepte angewendet werden, besteht die große Gefahr, dass sich die Heilungschancen reduzieren. Dies auch dann, wenn später auf eine schulmedizinische Behandlung gewechselt wird.

JURISTISCH EINWANDFREI

Die Anwender lassen sich in den Behandlungsverträgen unterzeichnen, dass über die Möglichkeiten der Schulmedizin aufgeklärt wurde und diese abgelehnt werden. Dadurch haben diese mit wenig juristischen Folgen zu rechnen.

Natürlich kann die Schulmedizin keine Wunder erbringen. Es werden auch Fehler gemacht. Eine Heilung ist heute in ca. der Hälfte der Fälle möglich [3]. Jedoch ist durch die medizinische Forschung ein laufender fundierter Verbesserungsprozess im Gange. Die experimentellen Methoden entbehren jedoch meist jeglicher Grundlage bzw. wird diese versprochen.

KOMPLEMENTÄRE MEDIZIN UND ALTERNATIVE METHODEN

Anders ist es bei der sogenannten komplementären Medizin. Diese sanften Methoden können Krebs nicht heilen, aber klassische Therapien sinnvoll ergänzen.

Rund 140 Heilverfahren lassen sich darunter fassen, beispielsweise Pflanzenheilkunde und Homöopathie, aber auch Chiropraktik, Osteopathie und Methoden der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) wie etwa Akupunktur.

Der Markt ist riesig und unüberschaubar. Nicht immer ist eine strenge Zuordnung zur Alternativ- oder Komplementärmedizin einfach möglich. Die Erfahrung zeigt, dass viele Patienten in dieser extremen Lebenssituation einen enormen Beratungs- und Informationsbedarf haben.

Daher sollten Betroffene sich sinnvollerweise absichern. Mit ihren Onkologen auch andere Therapiewege offen ansprechen und sich gegebenenfalls eine Zweitmeinung einholen.
Zudem gilt auch für den Versicherungsschutz: Was nicht erprobt und durch klinische Studien abgesichert ist, ist in der Regel im Versicherungsschutz nicht enthalten. Oftmals geht es dem Betroffenen – aber auch den Hinterbliebenen – ans letzte Ersparte. Fälle von Hausverkauf, Notkrediten usw. sind nicht selten, wie Versicherte berichten.

Leider ist die Erkrankung der Patientin zwischenzeitlich fortgeschritten. Ihr konnte nicht wie gewünscht geholfen werden. Die teure Behandlung wurde überwiegend privat bezahlt und das, obwohl es Alternativen gegeben hätte.

Literatur

  1. Leitlinienprogramm Onkologie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF), Deutschen Krebsgesellschaft e.V. (DKG) und Deutschen Krebshilfe (DKH). Interdisziplinäre S3-Leitlinie für die Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms abrufbar unter http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/032-045OLl_S3_Mammakarzinom_2017-12.pdf (zuletzt abgerufen am 12. 4. 2018).
  2. Apfel P. Privatklinik wirbt für umstrittene Krebstherapie – mit toten Patienten abrufbar unter https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/krebs/therapie/reporter-decken-auf-privatklinik-wirbt-fuer-umstrittene-krebstherapie-mit-toten-patienten_id_6980486.html (zuletzt abgerufen am 12. 4. 2018).
  3. Deutsches Krebsforschungszentrum Krebsinformationsdienst. Krebsstatistiken: Wie häufig ist Krebs in Deutschland? abrufbar unter https://www.krebsinformationsdienst.de/grundlagen/krebsstatistiken.php (zuletzt abgerufen am 12. 4. 2018).