Erschienen in Ausgabe 2-2018Köpfe & Positionen

Ist die operative Schamlippenkorrektur eine medizinisch notwendige Heilbehandlung?

Von Dr. med. Rainer HakimiVersicherungsmedizin

Eine Ärztin beantragt bei ihrer 14-jährigen Tochter eine operative Korrektur der Labia minora beidseits bei angeblicher Labienhypertrophie mit zunehmenden Beschwerden.

Die junge Patientin berichtet seit ca. einem Jahr zunehmende Beschwerden bei Labienhypertrophie beidseits die beim Sport und Radfahren durch „häufiges Einklemmen“ störten.
Der durch den Operateur erhobene Lokalbefund zeigt beide Labia minora etwas vergrößert, wobei sie die Labia majora überragen, links etwas ausgeprägter als rechts. Eine Entzündung kann nicht verifiziert werden. Die junge Patientin berichtet dem Arzt über ihre Beschwerden und es wurde ein OP-Termin in den Schulferien vereinbart.

Weitere medizinische Unterlagen liegen nicht vor.

Frage an den Gesellschaftsarzt: Ist die geplante operative Labienkorrektur eine medizinisch notwendige Heilbehandlung?

HINTERGRUND

Operationen an den Schamlippen werden aktuellen Studien zufolge auch in Deutschland immer mehr zum Trend. Ca. 7000 derartige Operationen werden hierzulande pro Jahr durchgeführt. „Die typische Patientin in unserer schönheitschirurgischen Praxis, die sich für eine Verkleinerung der inneren Schamlippen interessiert, ist Mitte 20, kinderlos und im Intimbereich vollständig enthaart“, schreibt ein Münchner Schönheitschirurg im „Journal für ästhetische Chirurgie“.

Hinter dem Wunsch nach der operativen Behandlung stecken häufig Motive wie Hemmungen beim Besuch von Schwimmbad oder FKK-Strand, unangenehme Gefühle beim Radfahren und Schamgefühle beim Sex.

Gegenüber dem Krankenversicherer werden allermeist körperliche Beschwerden zusätzlich geschildert und es wird die Kostenübernahme erbeten. Die Kosten belaufen sich auf 1500 bis 4500 Euro.

Einheitliche Größennormwerte, die eine OP-Indikation anzeigen könnten, gibt es nicht. Die Länge der inneren Schamlippen variiert ganz erheblich, nämlich zwischen 7 und 50 mm bei einem Mittelwert von 22 mm. Außerdem kann die Länge leicht durch Manipulation vergrößert werden.

Zudem hängt der ästhetische Aspekt unmittelbar vom Kulturkreis ab. In Europa und den USA wird es von den meisten Frauen als ästhetisch empfunden, wenn die äußeren Schamlippen die inneren gerade bedecken, wie bei einer fast geschlossenen Muschel. In Japan hingegen gilt ein schmetterlingsflügelhaftes Aussehen als Ideal, in mehreren afrikanischen Ländern wiederum werden sehr große innere Schamlippen als besonders attraktiv angesehen.

RISIKEN

Schönheitschirurgen stufen die Labienkorrektur meist als unkompliziert und risikoarm ein. Anders sieht es hingegen die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Zu den Risiken und Komplikationen dieser Eingriffe zählt die Wundheilungsstörung, Entzündungen, postoperative Blutungen, Hämatome sowie Wunddehiszenz, Narbenbildungen, Sensibilitätsstörungen mit herabgesetzter taktiler Empfindlichkeit bis hin zu deutlichen Funktionsbeeinträchtigungen im Genitalbereich. Zudem erklärt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, dass es bisher keine wissenschaftlich fundierten Operationsstandards für diesen Eingriff gibt.

Die Schamlippenkorrektur ist heutzutage die am siebthäufigsten durchgeführte Schönheitsoperation in Deutschland. Ein objektives Abweichen von einer Normgröße ist bei vielen Frauen, die die Operation wünschen, nicht gegeben. Eine Studie ergab dass alle Studienteilnehmerinnen normal große innere Schamlippen hatten und trotzdem eine Operation wollten, so die Studienautorin Creighton [1].

STEIGENDE NACHFRAGE

Die Nachfrage nach dieser Form des plastisch-chirurgischen Eingriffs hat in den letzten Jahren stark zugenommen. In den USA werden jährliche Zuwachsraten von 30 % berichtet.
In Großbritannien stellt dieser Eingriff den am schnellsten wachsenden Bereich innerhalb der plastischen Chirurgie dar. Dort ist die Nachfrage seit dem Jahr 2005 um 700 % gestiegen. In Österreich hat sich die Zahl dieser Eingriffe von 2001–2011 verfünffacht.

Auch in der versicherungsmedizinischen Tagesarbeit ist eine deutliche Häufigkeitssteigerung solcher Eingriffe erkennbar.

Während der Autor vor zehn Jahren die medizinische Notwendigkeit solcher Eingriffe ca. zwei Mal pro Jahr zu beurteilen hatte, werden solche Vorgänge nun eher zwei bis drei Mal pro Monat zur Bewertung vorgelegt.

Die medizinischen Befunde und Begründungen sind meist „mager“ und wenig stichhaltig und reichen in den allermeisten Fällen nicht zur Anerkennung einer medizinischen Notwendigkeit aus. So war es auch im vorliegenden Fall des 14-jährigen Mädchens. Meistens ist der Wunsch nach diesem Eingriff vorwiegend kosmetisch bedingt.

DYSMORPHOPHOBIE

Außerdem sollte eine Dysmorphophobie ausgeschlossen werden. Dies ist eine psychiatrische Störung bei der Patienten Teile ihres Körper als hässlich oder entstellt ansehen, obwohl sie bei objektiver Betrachtung völlig normal aussehen oder nur kleinste Unregelmäßigkeiten haben. Die Dysmorphophobie ist eine Körperschemastörung und mit Essstörungen, Zwangsstörungen und auch mit selbstverletzendem Verhalten assoziiert. Patienten mit Dysmorphophobie lassen manchmal einen Körperteil nach dem anderen operieren. Zudem gibt es eine wahnhafte Ausprägung der Dysmorphophobie. Chirurgische Behandlung ist bei solchen Patienten kontraindiziert.

 

Literatur:

  1. Lloyd J, Crouch Ns, Minto CL, Liao LM, Creighton SM. Female genital appearance: „normality“ unfolds. BJOG. 2005 May;112(5):643-6. PMID 15842291.