Erschienen in Ausgabe 2-2018Gesellschaft & Verantwortung

Die assistierte Reproduktion, ein wichtiger neuer Herzkreislaufrisikofaktor beim Menschen

Von Prof. Dr. Urs ScherrerVersicherungsmedizin

EINLEITUNG

1978 erblickte Louise Joy Brown, das erste künstlich gezeugte Baby das Licht der Welt. Seither wurde Millionen von sterilen Paaren ein Kinderwunsch erfüllt. Währenddem die weltweite Infertilitätsprävalenz konstant auf ~9 % geschätzt wird nahm die Indikation für In-Vitro-Fertilisation (IVF) über die letzte Dekade exponentiell zu. In industrialisierten Ländern werden heute 2–5 % aller Geburten mithilfe von IVF möglich gemacht. Die 5-Millionen-Grenze von IVF-Kindern wurde 2013 überschritten und die Zahl der jährlichen IVF-Geburten liegt seit 2015 weltweit >1 Mio. Die kürzliche Forderung aus dem Silicon Valley, jungen Frauen zwecks Karriere-Förderung diese Techniken umfassend zur Fertilitätserhaltung bis ins höhere Alter zu empfehlen („social freezing“) wird zu einem weiteren Anstieg dieser Zahlen führen.


In der letzten Zeit mehren sich jedoch kritische Stimmen, auch aus Fachkreisen, wegen möglicher schwerwiegender Langzeitfolgen der IVF für das Kind [1]. Basierend auf epidemiologischen Studien, die einen Zusammenhang zeigen zwischen schädlichen Einflüssen während der Fetalzeit und einer erhöhten Prävalenz von kardiovaskulären Erkrankungen im späteren Leben, formulierte der Epidemiologe David Barker bereits vor 20 Jahren die Hypothese des „fetal programming of cardiovascular diseases“ [2]. Während diese epidemiologischen Studien bei Erwachsenen auf harten kardiovaskulären Endpunkten basierten, interessierten sich neuere Studien bei Kindern für Frühveränderungen am Herz-Kreislauf-System, die bereits lange vor einer klinisch manifesten Krankheit auftreten. Die Messung der flussvermittelten Dilatation, der Pulswellengeschwindigkeit und der Intima-Media-Dicke gehören zu den Gold-Standard-Untersuchungen für vorzeitige arteriosklerotische Gefässveränderungen, und die Bedeutung dieser Messungen für die Vorhersage zukünftiger kardiovaskulärer Ereignisse bei Risikopatienten ist unumstritten.

VORZEITIGE KARDIOVASKULÄRE VERÄNDERUNGEN BEI IVF-PERSONEN

Studien an Menschen und Tiermodellen identifizierten mögliche Ursachen für die IVF-induzierten vorzeitigen kardiovaskulären Veränderungen. Bei der Maus verursacht IVF epigenetische Veränderungen am Embryo und im Gefässsystem der erwachsenen Maus [3]. Diese Veränderungen sind verantwortlich für die vorzeitige Gefässalterung und arterielle Hypertonie bei der IVF-Maus. Es ist wahrscheinlich, dass ähnliche epigenetische Veränderungen auch beim Menschen zum erhöhten kardiovaskulären Risikos der IVF-Population beitragen.


Doch nicht nur frühe, schädliche Einflüsse auf den Embryo sind ein wichtiger Faktor für die spätere Gesundheit des Kindes, sondern auch schädliche Einflüsse auf den Fötus während der Schwangerschaft spielen eine wichtige Rolle. Beim Menschen erhöht IVF das Risiko für Frühgeburtlichkeit, Präeklampsie und niedriges Geburtsgewicht (<2500 g) (Tabelle 1). Diese Schwangerschaftskomplikationen erhöhen bei natürlich gezeugten Kindern das Risiko für arterielle Hypertonie, koronare Herzkrankheit und zerebrovaskulären Insult im späteren Leben deutlich (Tabelle 1).

 

ART assoziierte perinatale Schädigungen, die bei natürlich konzipierten Kindern das kardiovaskuläre Risiko erhöhen

Tabelle 1: ART: assistierte reproduktive Technologie

Perinatale Schädigungen bei ART KindernMit diesen Schädigungen verbundene Langzeitrisiken bei natürlich konzipierten Personen
Arterielle HypertonieIschämische Herzkrankheit
Odds ratio (95 % CI)Odds ratio (95 % CI)Odds ratio (95 % CI)
Frühgeburt (< 37 Wochen)1.5 (1.5–1.6)1.7 (1.3–2.2)0.96 (0.80–1.16)
Niedriges Geburtsgewicht (< 2500 g)1.7 (1.6–1.8)1.2 (1.1–1.3)1.2 (0.88–1.44)
Klein für das Gestationsalter1.4 (1.3–2.1)-1.6 (1.2–2.2)

Es ist zu erwarten, dass diese Komplikationen auch bei IVF-Personen das kardiovaskuläre Risiko deutlich erhöhen werden. Die Ursachen für das gehäufte Auftreten dieser Schwangerschaftskomplikationen sind nicht bekannt, möglicherweise werden sie durch eine IVF-induzierte Veränderung des intrauterinen Milieus begünstigt.

Vorzeitige Arteriosklerose

Junge (mittleres Alter zehn Jahre), gesunde, am Termin, nach normal verlaufener Schwangerschaft mit normalem Geburtsgewicht geborene IVF-Kinder weisen bereits sämtliche Zeichen einer vorzeitigen Arteriosklerose auf (Abbildung 1) [4, 5].

Abbildung 1: Abbildung 1: Durch assistierte medizinische Fortpflanzung (ART) per se induzierte Veränderungen des kardiovaskulären Phänotyps in gesund scheinenden Kindern und jungen Erwachsenen. ART führt bereits beim Kind zu vorzeitiger Alterung der Blutgefäße, Herzdysfunktion und pulmonal arterieller Hypertonie unter Sauerstoffmangel. Diese Veränderungen persistieren bis ins Erwachsenenalter. Zudem führt die vorzeitige Gefäßalterung bei jungen Erwachsenen zu einer signifikant erhöhten Prävalenz der arteriellen Hypertonie.
Abbildung 1: Abbildung 1: Durch assistierte medizinische Fortpflanzung (ART) per se induzierte Veränderungen des kardiovaskulären Phänotyps in gesund scheinenden Kindern und jungen Erwachsenen. ART führt bereits beim Kind zu vorzeitiger Alterung der Blutgefäße, Herzdysfunktion und pulmonal arterieller Hypertonie unter Sauerstoffmangel. Diese Veränderungen persistieren bis ins Erwachsenenalter. Zudem führt die vorzeitige Gefäßalterung bei jungen Erwachsenen zu einer signifikant erhöhten Prävalenz der arteriellen Hypertonie.

Die Messung der flussvermittelten Dilatation der Arteria brachialis erlaubt die Beurteilung der endothelialen Gefäßfunktion. Sie ist bei IVF-Kindern im Vergleich zu Kontrollkindern um ca. 25 % reduziert. Eine erhöhte arterielle Steifigkeit ist für arteriosklerotische Veränderungen charakteristisch ist und trägt unabhängig zur Entstehung vorzeitiger kardiovaskulärer Komplikationen bei. Sie wird mittels der Messung carotido-femoralen Pulswellengeschwindigkeit ermittelt und ist bei IVF-Kindern signifikant erhöht im Vergleich zu Kontrollen. Morphologische Veränderungen der Gefässwand werden mittels der Messung der Intima-Media-Dicke der Carotisarterie erfasst. Dieser weitere unabhängige Prädiktor der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität bei Risikopatienten ist bei IVF-Kindern und jungen Erwachsenen ebenfalls signifikant erhöht [5–7].

Studien sowohl beim Menschen, als auch bei Mäusen, zeigen, dass die IVF-induzierten Veränderungen des kardiovaskulären Phänotyps auf epigenetische Veränderungen am Embryo zurückzuführen sind, welche durch schädliche Ereignisse im Zeitraum zwischen Keimzellgewinnung und Embryoimplantation verursacht werden (Abbildung 2).

Abbildung 2: Mechanismen, die den durch die assistierte medizinische Fortpflanzungstechnologie (ART) induzierten Veränderungen des kardiovaskulären Phänotyps zugrunde liegen und Möglichkeiten zu deren Verhinderung und/oder Therapie. ART verändert den kindlichen Phänotyp und erhöht das kardiovaskuläre Risiko via 2 distinkte Mechanismen: 1. Suboptimale Bedingungen während der In-vitro-Phase (Eizellen- und Spermiengewinnung, Befruchtung und Embryokultur) verändern den epigenetischen Phänotyp des Embryos. Modifikationen der Kulturbedingungen, die erlauben, die epigenetischen Veränderungen zu verhindern/minimalisieren oder die Verabreichung von Medikamenten, die epigenetische Veränderungen rückgängig machen, könnten erlauben, den pathologischen kardiovaskulären Phänotyp und das Krankheitsrisiko im späteren Leben zu vermindern/normalisieren. 2. ART erhöht die Prävalenz von Schwangerschaftskomplikationen, von denen bekannt ist, dass sie bei natürlich konzipierten Personen die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität im späteren Leben deutlich erhöhen.
Abbildung 2: Mechanismen, die den durch die assistierte medizinische Fortpflanzungstechnologie (ART) induzierten Veränderungen des kardiovaskulären Phänotyps zugrunde liegen und Möglichkeiten zu deren Verhinderung und/oder Therapie. ART verändert den kindlichen Phänotyp und erhöht das kardiovaskuläre Risiko via 2 distinkte Mechanismen: 1. Suboptimale Bedingungen während der In-vitro-Phase (Eizellen- und Spermiengewinnung, Befruchtung und Embryokultur) verändern den epigenetischen Phänotyp des Embryos. Modifikationen der Kulturbedingungen, die erlauben, die epigenetischen Veränderungen zu verhindern/minimalisieren oder die Verabreichung von Medikamenten, die epigenetische Veränderungen rückgängig machen, könnten erlauben, den pathologischen kardiovaskulären Phänotyp und das Krankheitsrisiko im späteren Leben zu vermindern/normalisieren. 2. ART erhöht die Prävalenz von Schwangerschaftskomplikationen, von denen bekannt ist, dass sie bei natürlich konzipierten Personen die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität im späteren Leben deutlich erhöhen.

Bei der Maus, verändert IVF u. a. die epigenetische Regulation des Gens der endothelialen Stickstoffmonoxid-Synthase (eNOS). Dies führt zu einer verminderten endothelialen NO Synthese, vorzeitiger Alterung der Arterien, arterieller Hypertonie und Insulinresistenz [3, 8]. Modifikationen der Kulturbedingungen vermindern sowohl die epigenetischen Veränderungen des IVF-Embryos als auch die Abweichungen des kardiovaskulären Phänotyps bei der erwachsenen IVF-Maus [9]. Diese Beobachtungen unterstreichen die zentrale Rolle der In-vitro-Periode für die IVF-induzierten Veränderungen des kindlichen Phänotyps. Übereinstimmend mit diesem Konzept gibt es derzeit keine Hinweise, dass genetische Veränderungen der sterilen Eltern oder die hormonelle Stimulation zur Eizellgewinnung zum veränderten kardiovaskulären Phänotyp von IVF-Kindern beitragen.


Die vorzeitige Arteriosklerose bei IVF-Kindern ist vergleichbar mit derjenigen von Kindern, die nach einer Präeklampsie geboren wurden [10]. Diese Kinder weisen ein fast dreifach erhöhtes Schlaganfall Risiko im späteren Leben auf. Diese Daten lassen befürchten, dass bei der IVF-Population eine ähnliche Erhöhung des Risikos für diese schwerwiegende Komplikation eintreten könnte. Ein weiterer möglicher Grund zur Beunruhigung sind Hinweise bei IVF-Mäusen, die zeigen, dass die Veränderungen des kardiovaskulären Phänotyps und die damit verbundenen Langzeit-Gesundheitsrisiken an die Nachkommen weitervererbt werden [3].

 

Erhöhter arterieller Blutdruck und arterielle Hypertonie

Die erste zu erwartende klinische Manifestation einer vorzeitigen Arteriosklerose ist ein erhöhter arterieller Blutdruck. Studien an IVF-Kindern zeigten erhöhte systolische und diastolische Blutdruckwerte im Vergleich zu Kontrollkindern [7, 11]. In Übereinstimmung mit dieser Beobachtung, induzierte eine dreitägige hochkalorische fettreiche Ernährung, einen übersteigerten Anstieg des systolischen Blutdrucks bei IVF-Kindern [12]. Es ist bekannt, dass arterielle Blutdruckwerte in der Kindheit Voraussagen über den arteriellen Blutdruck im Erwachsenenalter erlauben. In Übereinstimmung mit diesem Konzept zeigten kürzlich durchgeführte ambulante 24-Stunden Blutdruckmessungen beim Kollektiv der Autoren an jungen IVF-Erwachsenen eine signifikant und sehr deutlich erhöhte Prävalenz (15.4 vs. 2.3 %) einer etablierten arteriellen Hypertonie im Vergleich mit Kontrollpersonen [6]. Mittels 24-Stunden-Messungen erhobene Blutdruckwerte sind bedeutend bessere Prädiktoren der kardiovaskulären (und „all cause“!) Mortalität als Praxisblutdruckmessungen [13]. Eine unbehandelte arterielle Hypertonie im frühen Erwachsenenalter hat, falls unbehandelt, dramatische Auswirkungen auf die zukünftige Gesundheit. Regelmäßige ambulante 24-Stunden Blutdruckmessungen sind bei ART-Personen deshalb sehr wichtig.


Pulmonale Hypertonie

Die endotheliale Gefässdysfunktion bei IVF-Kindern beschränkt sich nicht auf die systemische Zirkulation, sondern lässt sich auch in der Lungenstrombahn nachweisen, wo sie mit einer übermäßigen Erhöhung des Lungenarteriendrucks bei Höhenexposition einhergeht, s. Abbildung 1) [5]. Nebst einem erhöhten Risiko für das Höhenlungenödem (ein übersteigerter Anstieg des Lungenarteriendrucks ist das Kardinalsymptom und conditio sine qua non dieser Krankheit) ist zu erwarten, dass bei IVF-Personen, die dauernd in großer Höhe leben (>2500 m über dem Meeresspiegel) oder an Krankheiten leiden, die mit chronischer arterieller Hypoxämie einhergehen, das Risiko an einer pulmonalen Hypertonie zu erkranken erhöht ist.


Herzdysfunktion

Fötale Wachstumsretardierung und Frühgeburtlichkeit haben einen negativen Einfluss auf die Herzfunktion im späteren Leben. Sie gehen mit morphologischen und funktionellen Veränderungen beider Ventrikel und Prädisposition zu Herzinsuffizienz und Herzversagen einher [14]. Diese Beobachtungen zeigen das Schädigungspotenzial frühkindlicher Ereignisse für die Herzfunktion im späteren Leben auf.
In Übereinstimmung mit diesem Konzept wurde bei IVF-Kindern bereits in utero eine eingeschränkte Funktion vor allem des rechten Ventrikels aufgezeigt, die nach der Geburt bei sechs Monate alten Säuglingen und dreijährigen Kindern persistierte [7, 15]. Diese Veränderungen scheinen im Erwachsenenalter weiter zu bestehen, wurden doch kürzlich unter sauerstoffarmen Bedingungen bei jungen IVF-Personen morphologische und funktionelle Veränderungen des rechten Ventrikels nachgewiesen [16]. Ob diese Veränderungen IVF-Personen für eine vorzeitige Herzinsuffizienz prädestinieren ist noch unklar. Daten einer großen epidemiologischen Studie an Kindern [17] und bei der IVF-Maus lassen befürchten, dass dies der Fall sein könnte [18].


Insulin-Resistenz

Eine Endothelfunktionsstörung führt oft zu einer peripheren Insulinresistenz. Unter normalen Bedingungen stimuliert Insulin den Blutfluss und den Glukosetransport zur Skelettmuskulatur via einen endothelialen eNOS abhängigen Mechanismus [19]. Im Fall einer Störung der endothelialen Gefäßfunktion kann Insulin diese Wirkung nicht entfalten. Die verminderte Insulin-induzierte Vasodilatation und der damit verbundene geringere Blutfluss und Glukosetransport zur Skelettmuskulatur führt zu einer verminderten Glukoseaufnahme, was sich als Insulinresistenz manifestiert [20, 21]. In Übereinstimmung mit diesem Konzept zeigen Studien an jungen IVF-Erwachsenen eine periphere Insulinresistenz [12] und Studien an IVF-Mäusen konnten direkt nachweisen, dass die Insulinresistenz in der Tat auf eine verminderte Substratzufuhr zur Skelettmuskulatur zurückzuführen ist [22]. Diese Daten lassen befürchten, dass das Risiko, im späteren Leben an einem Diabetes mellitus zu erkranken, bei der IVF-Population erhöht ist.


Präimplantationsdiagnostik und Implantation eines einzigen möglichst fitten Embryos

Die Präimplantationsdiagnostik wird je länger je häufiger eingesetzt, nicht nur mit dem Ziel, bekannte Erbleiden auszuschließen, sondern auch um möglichst fitte Embryonen zu selektionieren und dann nur noch diesen einen fitten statt mehrerer Embryonen zu implantieren und damit das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften und das damit verbundene erhöhten Risiko von Schwangerschaftskomplikationen zu reduzieren. Zur Selektion fitter Embryonen werden zunehmend mit großem kommerziellem Aufwand propagierte, automatisierte, sehr kostspielige Systeme verwendet, die eine kontinuierliche Überwachung und Dokumentation der Embryoentwicklung erlauben (Time lapse imaging (TLI) systems for embryo development) [23]. Diese prima vista positiv scheinenden Neuerungen sind nicht unproblematisch. Bei der Maus induziert die Blastomer-Biopsie epigenetische Veränderungen beim Embryo, die im späteren Leben negative Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung und -funktion haben [24]. Ebenso bestehen Hinweise, dass besonders fitte, sich rasch entwickelnde Embryonen gehäuft Veränderungen des epigenetischen Phänotyps aufweisen, die ungünstige Auswirkungen auf das Krankheitsrisiko im späteren Leben haben könnten [25]. Es besteht ein dringender Bedarf an robusten prospektiven Daten zu den Auswirkungen dieser neuen Verfahren auf den kindlichen Phänotyp und das spätere Krankheitsrisiko. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese kommerziell sehr interessanten Verfahren bereits vor dem Vorliegen solcher Daten rasant ausbreiten werden, ist allerdings sehr groß.

Eine im Rahmen der Diskussion über mögliche Langzeitfolgen der IVF oft vergessene Tatsache ist, dass IVF mit einer deutlichen Häufung von Schwangerschaftskomplikationen einhergeht. Wenn diese Komplikationen bei natürlich gezeugten Individuen auftreten, führen sie zu einer deutlich erhöhten kardiometabolischen Morbidität und Mortalität im späteren Leben.

 

Gehäuftes Auftreten von Schwangerschaftskomplikationen nach IVF

Niedriges Geburtsgewicht (<2500 g) Präeklampsie und Frühgeburtlichkeit (Figur 2, Tabelle 1) treten nach IVF gehäuft auf. Die mancherorts zur Verbesserung der IVF-Erfolgsrate gepflegte Implantation mehrerer Embryonen führt gehäuft zu Mehrlingsschwangerschaften und trägt dadurch zu einer weiteren Häufung von Präeklampsie, Frühgeburtlichkeit und vermindertem Geburtsgewicht bei.


Tabelle 1 zeigt, dass diese Schwangerschaftskomplikationen bei natürlich gezeugten Personen mit deutlich erhöhtem kardiovaskulären Risiko einhergehen. Frühgeburtlichkeit erhöht nota bene nicht nur die kardiovaskuläre Mortalität, sondern auch die „All-cause“-Mortalität. Das Ausmaß dieses Risikos ist grösser als das sich aus der Familienanamnese ergebende oder dasjenige von schwerem Alkoholabusus oder Sedentarismus und ist vergleichbar mit demjenigen des Rauchens. Es ist zu erwarten, dass bei der IVF-Population allein schon das gehäufte Auftreten dieser Schwangerschaftskomplikationen zu einer deutlichen Erhöhung der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität führen wird.

 

Ausblick

Die IVF-Population ist noch sehr jung, eine verfrühte kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität tritt normalerweise ab dem fünften Lebensjahrzehnt auf. Es werden deshalb weitere 20–30 Jahre vergehen, ehe sich genaue Zahlen zu den IVF-induzierten kardiovaskulären Endpunkten herauskristallisieren werden. Vom jetzigen Stand des Wissens ausgehend, sind 2–5 % der während der letzten beiden Dekaden in industrialisierten Ländern geborenen Kinder einem erhöhten kardiovaskulären Risiko aufgrund von IVF ausgesetzt, Tendenz rapide steigend. Bereits heute kann aufgrund der signifikant erhöhten Prävalenz der arteriellen Hypertonie bei jungen ART-Erwachsenen und der IVF-induzierten Häufung von Schwangerschaftskomplikationen, die auch bei natürlich gezeugten Personen zu vorzeitiger kardiovaskulärer Morbidität führen, davon ausgegangen werden, dass dieses Risiko zahlenmäßig bedeutend sein wird.


Für den praktischen Arzt bedeutet dies, dass die pränatale Anamnese integraler Bestandteil jeder Anamnese sein sollte und bei der Implementation von kardiovaskulärer Prävention und/oder der Behandlung kardiovaskulärer Krankheiten berücksichtigt werden sollte. Dies impliziert auch die Aufklärung von IVF-Kindern bezüglich der Modalitäten ihrer Zeugung und potentieller IVF-assoziierter kardiometabolischer Veränderungen und Gesundheitsrisiken.


Für die Forschung bedeutet dies, dass dringend Wege gefunden werden müssen, bestehende IVF-Prozedere zu verbessern mit dem Ziel, Langzeitgesundheitsfolgen für das Kind zu vermindern. Einer der Wege dazu führt über Langzeitstudien der IVF-Population. Solche Studien werden nicht nur wichtige Daten zu Langzeitgesundheitsfolgen liefern, sondern auch Anhaltspunkte über besonders schädliche oder relativ unschädliche IVF-Techniken geben und so erlauben, dem Ziel der „best practice“ von IVF näher zu kommen.


Schließlich könnten sich die sozioökonomischen Folgen von IVF als dramatisch erweisen. Es braucht deshalb dringend einen gesellschaftspolitischen Diskurs darüber, wie mit dieser Technologie und dem damit verbundenen, sehr lukrativen und schnell wachsenden Markt umzugehen ist. Derzeit existieren keinerlei Leitlinien bezüglich der Indikationen von IVF. Der Grundsatz des „Primum non nocere“ muss auch für die Reproduktionsmedizin gelten, und das Problem der Höherbewertung des Kinderwunschs gegenüber dem Wohl des zukünftigen Kindes umfassend diskutiert werden. Die Möglichkeit, infertilen Paaren mithilfe von IVF einen Kinderwunsch zu ermöglichen, soll hier nicht infrage gestellt werden, aber es geht darum, diese Techniken, angesichts des potenziell hohen Risikos für das Kindeswohl, zum jetzigen Zeitpunkt so sparsam wie möglich anzuwenden.

Literatur

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Summary

Zusammenfassung

Ziel dieser Arbeit ist es, die aktuelle Datenlage zu durch assistierte Reproduktionstechnik (assisted reproductive technology [ART]) induzierte Veränderungen des kardiovaskulären Phänotyps und des damit verbundenen erhöhten Risikos für Herzkreislauferkrankungen bei ART-Personen kurz darzulegen. Pathologische Ereignisse während der embryofötalen Periode erhöhen beim Menschen die kardiometabolische Morbidität und Mortalität im späteren Leben. ART ist ein neues, zahlenmässig wichtiges (2 bis 5 % der Geburten in entwickelten Ländern) Beispiel dieses Problems. Die assistierte Reproduktion verändert den kardiovaskulären Phänotyp via 2 distinkte Mechanismen:


1. ART impliziert die Manipulation des Embryos während einer Phase extremer Empfindlichkeit gegenüber externen schädlichen Einflüssen. In Übereinstimmung mit diesem Konzept, verändert ART per se den kardiovaskulären Phänotyp beim Menschen (vorzeitige Arteriosklerose, Herzdysfunktion und arterielle Hypertonie).
2. ART ist mit einer deutlichen Erhöhung der Prävalenz von Schwangerschaftskomplikationen (Präeklampsie, Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht) verbunden. Diese Komplikationen erhöhen bei natürlich gezeugten Personen die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität im späteren Leben deutlich und eine ähnliche Erhöhung ist bei ART Personen zu erwarten.


Daten zu harten kardiovaskulären Endpunkten werden aufgrund des jungen Alters der ART-Population oft erst in 20–30 Jahren verfügbar sein. Aber bereits jetzt zeigt sich, dass ART die Prävalenz eines ersten Endpunkts, der arteriellen Hypertonie, bei jungen Erwachsenen signifikant erhöht. Diese Tatsache erfordert die dringende Revision gegenwärtiger Meinungen zur Langzeitsicherheit von ART. Ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen und, damit verbunden, Verbesserungen der Technik zur Vermeidung schädlicher ART-induzierter Veränderungen des Phänotyps, sind unumgänglich. In Erwartung dieser Verbesserungen sollte das grundlegende Prinzip des primum non nocere auch in der Fortpflanzungsmedizin respektiert werden und ART so spärlich wie nur möglich eingesetzt werden.

SUMMARY

Assisted reproduction, an important new cardiovascular risk factor in humans

This article briefly presents the current knowledge regarding assisted reproductive technologies (ART) induced alterations of the cardiovascular phenotype in humans and the related increase of cardiovascular risk. Pathologic events during the embryo-fetal period increase cardio-metabolic morbidity and mortality later in life. ART is a novel and important (2 to 5% of births in industrialized countries) example of this problem. ART alters the cardiovascular phenotype by two distinct mechanisms. 1) ART implies the manipulation of the embryo during an extremely vulnerable period. Consistent with this concept, ART per se alters the cardiovascular phenotype in humans (premature arteriosclerosis, cardiac dysfunction, arterial hypertension). 2) ART increases the prevalence of pregnancy complications (preeclampsia, prematurity, low birth weight). These complications increase cardiovascular morbidity and mortality later in life in naturally conceived persons and it is likely that they will have similar effects in ART persons. 


Data regarding hard cardiovascular endpoints will not be available before 20 to 30 years from now, because of the young age of the ART population. However, already now, recent data show that ART increases the prevalence of a first endpoint, arterial hypertension, in young adults. These data call for a reappraisal of the current thinking regarding the long-term safety of ART. To improve its current technique and long-term safety, there is an urgent need for a better understanding of the mechanisms underpinning ART-induced alterations of the phenotype and disease risk. While awaiting these improvements, the fundamental principle of “primum non nocere” should be respected and ART used parsimoniously.        

ART · Assisted Reproductive Technology