Versicherungsmedizin: 07/2018
2-2018
Juli 2018
Prof. Dr. Günter Hirsch
Editorial
Editorial

Sehr geehrte Damen und Herren,

als neues Mitglied der Schriftleitung nehme ich gerne die Gelegenheit wahr, die publizistischen Aufgaben und Möglichkeiten der Zeitschrift Versicherungsmedizin in den Blick zu nehmen. Für mich liegen in der Überschneidungszone von Medizin und Recht seit jeher spannende interdisziplinäre Herausforderungen, die im Kontext mit Themen der Assekuranz eine besondere Breitenwirkung entfalten. Während sich das Medizinrecht als ein juristisches Querschnittsgebiet auf die rechtliche Steuerung und Bewertung heilberuflichen Handelns fokussiert, beschäftigt sich die Versicherungsmedizin weiter gehend vor dem Hintergrund der verschiedenen Personenversicherungen mit medizinischen Fragestellungen im Bereich der Gesundheitsvorsorge, der Risikobeurteilung, der Behandlungsindikation sowie der Rehabilitation und der Reintegration. Sie ist eine eigene, multidisziplinäre Fachrichtung, die Wissen aus allen klinischen Fach- und Spezialdisziplinen umfassen muss, aber auch arbeits-, sozial- und rechtsmedizinische Kompetenz sowie Kenntnisse im Versicherungswesen fordert. Die Versicherungsmedizin, mit ihrem direkten Bezug zu den versicherten Menschen, mit den juristisch im Vertrags- und Aufsichtsrecht umfangreich regulierten Versicherungen und Versicherern, ist zudem von gesellschaftspolitischer Relevanz. Diese breite und komplexe interdisziplinäre Aufgabenstellung spiegelt sich in der Themenvielfalt der Zeitschrift Versicherungsmedizin.

Der Assekuranz liegt die Idee zugrunde, dass Risiken, die den Einzelnen überfordern, tragbar und finanzierbar werden, wenn viele ein Kollektiv bilden und jeder einen kleinen Teil dazu beiträgt, dass insgesamt genügend Mittel vorhanden sind, um diejenigen zu entschädigen, bei denen sich das Risiko verwirklicht. Dieser Risikoausgleich im Kollektiv erfordert eine möglichst genaue Definition des gedeckten Risikos, der Einschätzung der individuellen Risikosituation der Versicherten sowie der Gesundheitsschäden im Versicherungsfall und der Kosten ihrer Kompensation. Geht es um die Absicherung von Risiken, die im Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand des Versicherungsnehmers stehen (etwa durch eine Kranken-, Lebens-, Renten-, Berufsunfähigkeits-, Unfall-, Reise- oder Kreditversicherung), ist die Feststellung, ob ein Versicherungsfall vorliegt und welche Leistung der Versicherer zu erbringen hat, häufig nicht ohne medizinische Begutachtung möglich. Dabei spielen forensische Fragen eine immer größere Rolle. Versicherungen benötigen aber auch  medizinische Expertise für einschlägige Vertragsgestaltungen, für die Einschätzung der konkreten Risikosituationen bei Versicherungsabschlüssen und für die Formulierung entsprechender Vertragsklauseln. Dabei haben Innovationen wie beispielsweise die diagnostischen Verfahren der Gentechnologie oder die Beurteilung von Risikoprofilen mittels Big Data & Analytics erhebliche Auswirkungen auf die Versicherbarkeit, wobei damit durchaus rechtliche Regelungsanforderungen und gesellschaftspolitische Fragen verbunden sein können. Innovative Formen der Früherkennung und Prävention von Krankheiten sind durchweg versicherungsrelevant. Sollen Versicherte vertraglich darauf verpflichtet werden dürfen? Zunehmend bieten Versicherer Tarife an, die auf einer weitgehenden Individualisierung des persönlichen Erkrankungsrisikos beruhen. Grundlage dieser Tarifgestaltung ist der Nachweis gesundheitsbewussten Verhaltens des Versicherungsnehmers. Dieser erhebt laufend entsprechende persönliche Daten und stellt diese unter Einsatz modernster Techniken der Telekommunikation und Informatik dem Versicherer (bzw. einem externen Dienstleister, der mit der Erhebung und Auswertung dieser Daten beauftragt ist) zur Verfügung. Im Gegenzug erhält er je nach seinem persönlichen Scoring Prämienvergünstigungen (sog. Telematik-Tarife). Damit erweitern einige Versicherer ihr Geschäftsfeld bewusst in Richtung Gesundheitsdienstleistung. Auf all diesen Gebieten ist auch die Versicherungsmedizin gefragt.

Dass die Versicherungsmedizin immer mehr wissenschaftlich etabliert, interdisziplinär erforscht und gelehrt und im europäischen Ausland bereits als Facharzt- und Masterausbildung angeboten wird, belegt ihre große Bedeutung in Theorie und Praxis. Dem soll die Zeitschrift Versicherungsmedizin in der ganzen Bandbreite Rechnung tragen, und zwar vor dem Hintergrund eines wertorientierten, gesellschaftlichen Anspruchs. Dabei wird das Augenmerk der Schriftleitung auch der grenzüberschreitenden Ausrichtung der Zeitschrift gelten.

Prof. Dr. Günter Hirsch, Schriftleitung 

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