Erschienen in Ausgabe 1-2017Trends & Innovationen

Kleinhirn und Kognition

Von Dr. med. Andreas Posa und Prof. Dr. med. Stephan ZierzVersicherungsmedizin

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EINLEITUNG

Traditionell wird das Kleinhirn in Verbindung mit der Steuerung und Koordination motorischer Funktionen in Zusammenhang gebracht. Diese Aspekte wurden bereits vor etwa 100 Jahren wissenschaftlich herausgearbeitet (Ramón y Cajal, 1911). Bei Kleinhirnschädigungen kann es somit zu Beeinträchtigungen von Bewegungsabläufe kommen, mit folglich ruckartigen sowie unkoordinierten Bewegungen (González et al., 2005; Gordon, 2007). Auch das Erlernen, motorische Aufgaben umzusetzen, kann gestört sein (Lacourse et al., 2005; Puttemans et al., 2005). Jedoch zeigen Studien, dass das Kleinhirn auch dann aktiv ist, wenn keinerlei Bewegungen ablaufen (Schmahmann, 2004; Allen et al., 2005; Ioannides und Fenwick, 2005).

Von seiner anatomischen Struktur her lässt sich das Kleinhirn in mehrere Teile untergliedern, denen verschiedene Funktionsbereiche zukommen. Man unterteilt dabei die drei Hauptabschnitte Archicerebellum, Paläocerebellum sowie Neocerebellum. Das Archicerebellum (oder Vestibulocerebellum) reguliert Halte- und Stützmotorik, wie etwa Körperhaltung, Muskeltonus und Gleichgewicht und übernimmt Aufgaben in der Feinabstimmung von Augenbewegungen. Das Paläocerebellum (oder Spinocerebellum) steuert die Stand-, Gang-, und Zielmotorik, sowie die Sprechmotorik und kontrolliert zudem die Diadochokinese als Ablauf von schnell aufeinanderfolgenden antagonistischen Bewegungen. Das Neocerebellum (oder Pontocerebellum) reguliert die komplexe Zielmotorik, ein Abstimmen des Intensitäts-Zeitverhaltens kortikospinaler Kommandos, koordiniert unterschiedliche Arten von Bewegungsabläufen und steuert deren Kontextualisierung. Desweiteren bedingt das Neocerebellum adaptive Eigenschaften, wie das motorisch prozedurale Lernen und übernimmt Funktionen im Bereich der autonomen Steuerung, der Wahrnehmung sowie der Kognition.

Im folgenden Artikel sollen insbesondere die kognitiven Kleinhirnfunktionen näher dargestellt werden, da diese Funktionen noch nicht sehr lange bekannt, sowie viele  biophysiologische Aspekte noch weitgehend unerschlossen sind. Dabei können Schädigungen im Kleinhirn zu kognitiven Leistungseinbußen führen und damit das Alltags- sowie das Berufsleben teils erheblich beeinflussen.

KOGNITIVE FUNKTIONEN DES KLEINHIRNS

Unter kognitiven Funktionen werden verschiedene mentale interne Informationsverarbeitungsprozesse eines Individuums zusammengefasst, wie etwa die Aufmerksamkeit, das Denken, das Entscheiden, die Erinnerung, die Konzentration, das Lernen, die Motivation…